Vom Rand in die Mitte Europas


Das (Theater-)Festival Off Europa – gegründet 1992 unter dem Namen MANöVER – hatte lediglich in seiner ersten Ausgabe Gäste aus einem unmittelbaren Nachbarland. Spätestens seit 1995 wurden die Sichtungsreisen des Festivals immer länger, wurde der Fokus des Interesses überwiegend auf die Ränder Europas, auf Süd-Ost-Europa gelegt.
Über Tschechien führten fast alle Wege wenn MANöVER bzw. Off Europa Theater in Serbien, Rumänien, Bulgarien oder in der Türkei unter die Lupe nahm. Von Leipzig nach Prag sind es auf dem kürzesten Weg gerade 235 Kilometer, von Dresden bis Prag reichlich zwei Zugstunden. Wahre Enthusiasten könnten also anstatt in den Berliner Sophiensaelen, dem HAU oder der Volksbühne durchaus auch im Prager Theater Archa, im Studio ALTA und in der Meetfactory ihren Interessen und Neigungen frönen. Oder beispielsweise die Spielstätte Prostor in Praha 5, Preslova 9 von „Farma v jeskyni“ (etwa „Bauernhof in der Höhle“) besuchen, um die großartige Inszenierung „Divadlo“ (Theater) zu besuchen, die für Off Europa als Gastspiel leider nicht zu realisieren war.

Ekran Pilze Web
Foto © Handa Gote: Ekran

Weil all das bisher wohl kaum jemand beabsichtigt, wird Off Europa versuchen, das Interesse hierfür zu generieren. Fast alle wichtigen Vertreter von Tschechiens freier Theater- und Tanzszene werden in Leipzig und/oder Dresden ihre Visitenkarten abgeben. Da gastieren unter anderem mit Věra Ondrašíková und Milan Loviška junge, erfolgreiche ChoreographInnen, gibt es mit dem bezwingenden Vojta Švejda und dem viel beachteten Ensemble „Handa Gote“ typische Vertreter einer performativen Richtung modernen Autorentheaters, mit „Boca Loca Lab“ ein einzigartiges sprachkünstlerisches Ereignis und mit dem Theater Feste aus Brno tschechisch-deutsche Geschichtsaufarbeitung.

Was selbst uns überrascht hat: In fast allen Fällen wird es sich um Deutsche Erstaufführungen handeln. Und auch in der Vergangenheit gab es nur wenige Initiativen und Projekte - wie etwa das Festival Unidram in Potsdam - die sich anhaltend für Theater aus Tschechien interessierten.
So gesehen liegt Tschechien immer noch am Rand. Am Rand einer Wahrnehmung, die nur das westeuropäisch dominierte Zentrum (aner)kennt.

Lassen Sie sich - gerade deshalb - verführen von selbstbewussten, selbstbestimmt arbeitenden Theaterkünstlern, die auf Bühnen zwischen Děčín und Znojmo äußerst interessante Kunst-Welten entstehen lassen – und in ihrem Heimatland durchweg sehr bekannt sind.
Und lassen Sie sich anregen, die Leute auch einmal vor Ort zu besuchen.
—> aus dem Vorwort des Programmheftes

Aufführungen
Handa Gote: Ekran / Rain Dance / Pan Roman
Tereza Lenerová + Einat Ganz: Proměnná
Milan Loviška: Who’s Frank?
Boca Loca Lab: Evropané
Věra Ondrašíková a kol.: 15 Steps
Ioana Mona Popovici: The Amnesic Days of the Polar Nights
Vojta Švejda & Adriatik uvádí: Polaris
Divadlo Feste: Be Free

Filme
Vladimír Michálek: Frühling im Herbst
Fred Breinersdorfer / Anne Wors: Andula – Besuch in einem anderen Leben
Petr Zelenka: Příběhy obyčejného šílenství (Geschichten vom alltäglichen Wahnsinn)
Vladimír Morávek: Nuda v Brne (Sex in Brno)
Jan Svěrák: Kolya
Jan Gogola: I Love my Boring Life
Bohdan Sláma: Der Dorflehrer
Vít Klusák / Filip Remuda: Český sen (Tschechischer Traum)
Helena Trestíková: René

Konzert
DVA: non-exist nations folklore