Verzeihung, man sagt wohl FYROM


Belgier und Holländer geben sich seit Jahren in Deutschland bei Gastspielen die Klinken in die Hand, England wird wieder interessant und ganz Portugal scheint in diesem Jahr bei deutschen Tanzfestivals zu Gast.
Im Süden ist es unspektakulärer: In Saloniki werden die Gelder der europäischen Kulturhauptstadt um die Ecke gebracht, nach Rumänien und Bulgarien fährt ohnehin keiner - wenn da nicht die brodelnden Veränderungen in Ex-Jugoslawien wären...

Hamlet Web
Foto © Kristian Risteski / Skopsko Leto: Hamletmaschine


Im mazedonischen Vardar-Tal läßt es sich leben: Tito ist tot. Den Krieg konnte man vermeiden. Die Griechen haben den Grenzboykott beendet. Touristen kommen keine mehr. Nach Albanien muß niemand fahren. Albaner gibt es überall.
Skopje ist ein Ort, den man höchstens verläßt, um an den Ohrid-See zu fahren. Da trifft man dann die gleichen Leute, aber dort haben sie Urlaub und sind besser gelaunt.
Oder anders:
In Skopje geht man nicht vor Mitternacht aus dem Haus. Es sei denn, ins Theater. Oder zu einem Festival. Festivals gibt es ständig in Mazedonien.
Oder noch anders:
In Skopje sind die Regisseure jung. Und der Oppositionsführer. Und der Ministerpräsident. Und die Radiomacher sind 18 Jahre alt.
Oder ganz anders:
Mazedonien ist ein völlig normales Land.

Was wiederum Quatsch ist. Ich weiß nichts über Mazedonien.
Woher auch.

Vor zwei Jahren war eine Inszenierung des mazedonischen Kuturministers zu einem Festival nach Erfurt eingeladen.
Ein Theaterfestival in Erfurt? Mit einem Gastspiel aus Mazedonien? Davon wußte ich nichts.
Niemand hat irgendetwas gewußt. Die Inszenierung war für Erwachsene - das Festival für Kinder.
Der damalige Regieassistent Aleksandar Popovski hat auf diese Art Leipzig kennengelernt. Er mußte auf dem Hauptbahnhof den Zug wechseln. Der Minister war nicht mit. Wahrscheinlich hätte er nicht so gelacht wie Aleksandar.
In diesem Jahr kommt Aleksandar wieder nach Leipzig.
Wenn er mitkommt.
Vielleicht fährt er auch an den See.
Oder er macht etwas ganz anderes.
—> aus dem Vorwort des Programmheftes

Aufführungen
Risima Risimkin / Choreographisches Zentrum INTERART: Wedding
Informal Group: Quartett
Aleksandar Popovski + Darko Mitrevski / Mala Stanica: Just like that under the clouds
Kristian Risteski / Skopsko Leto: Hamletmaschine

Filme
Der schwebende Schritt des Storches
Vor dem Regen
Time of the Gypsies
Happy New Year

Konzert
Nikola Kodjabashia & friends spielen den Soundtrack von Hamletmaschine

Presse
Das Prinzip von MANöVER ist, dass ich irgendwo hinfahre, das Theater einer Stadt, einer Region unter die Lupe nehme und dann zeige, was ich für zeigenswert halte. Das sind selten mehr als vier, fünf Inszenierungen, mehr findet man kaum irgendwo, für mehr reicht das Geld nicht, für mehr finden sich in Leipzig auch keine Zuschauer.
Mazedonien ist ein Mikrokosmos, von Europa ziemlich isoliert. Mit dem Auto braucht man (im Moment über Rumänien und Bulgarien) 30 Stunden bis nach Skopje. (...)
Es gibt sehr viel einheimische Dramatik, sehr viel Gegenwart - das ist Mainstream, das will das Publikum sehen. Der Unterschied zu Leipzig ist, dass nahezu alle Künstler an Stadttheatern beschäftigt sind - und nebenbei frei arbeiten. Die „Hamletmaschine" z.B. wäre hier in Leipzig als freie Produktion nicht zu finanzieren, in dieser Qualität auch nicht zu besetzen. Der Unterschied zur Institution ist der freie, geistige Zugang, die Möglichkeit auszuprobieren.
—> Festivalleiter Knut Geißler im Interview mit dem Leipziger Stadtmagazin KREUZER